Was sind die Ursachen von Erfolg im Lebenslauf? Im größten deutschen sozialwissenschaftlichen Forschungsprogramm aller Zeiten soll das jetzt untersucht werden

Von Katrin Schaar

Max und Kevin haben in der Grundschule die gleichen Zensuren, doch dem einen trauen Eltern und Lehrer es zu, das Gymnasium zu besuchen, dem anderen empfehlen sie die Realschule. Katharina hat Top-Ergebnisse in ihrer Abiklausur in Physik, doch will sie das Fach auf keinen Fall studieren. Kamils Ergebnisse sind nicht ganz so gut, doch entscheidet er sich für ein Ingenieurstudium. Im Februar startete ein groß angelegtes Forschungsprogramm mit einer Auftaktveranstaltung in der Universität Bamberg.

 

"Der Start des nationalen Bildungspanels ist ein guter und wichtiger Schritt. Denn Investitionen in Bildung und Forschung sichern unsere Zukunft. Sie tragen dazu bei, dass wir gestärkt aus dieser Wirtschaftskrise hervorgehen", sagte Bundesforschungsministerin Anette Schavan. Wo Mittel knapp sind, gilt es sie so einzusetzen, dass sich die gewünschten Wirkungen auch einstellen. Doch dazu muss man wissen, welche Wirkungen welche Bildung eigentlich hat. Das nationale Bildungspanel soll untersuchen, wie es im Lebensverlauf zu Erfolg und Misserfolg in der Bildungskarriere eines Menschen kommt. Für das Forschungsvorhaben stellt das Bundesforschungsministerium allein in diesem Jahr 7,5 Millionen Euro zur Verfügung. Die Finanzierung steigt bis zum Jahr 2013 auf 13 Millionen Euro jährlich. Für die Qualitätssicherung steht die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) gerade.

Schulleistungsstudien wie PISA oder TIMMS geben bislang nur Auskunft über bestimmte Zeitpunkte: Wie hoch ist das Leseverständnis oder die mathematische Kompetenz von Fünfzehnjährigen aus verschiedenen Ländern oder Schulformen in einem Jahr im Vergleich? Doch Aussagen über die Ursachen und auch Vorhersagen ließen sich so bislang nicht treffen. Mit dem Nationalen Bildungspanel wollen Wissenschaftler aus verschiedenen deutschen Universitäten und Forschungsinstituten herausfinden, wie Menschen solche Fähigkeiten erwerben, die ihnen bei der Bewältigung ihres Lebens und dem beruflichen Erfolg weiterhelfen. Ob das nur solche Kenntnisse wie das schnelle Erfassen von Texten oder mathematische Leistung sind, die für die spätere Berufskarriere eine Rolle spielen, wollen sie überprüfen. Denn vielleicht sind ganz andere Fähigkeiten hilfreich - beispielsweise wie jemand Netzwerke knüpfen und sich selbst motivieren kann. Gesucht wird aber nicht nur nach den Ursachen, für eine gelungene Berufskarriere, sondern auch nach den Bedingungen für so etwas schwer Fassbares wie „Lebensglück“. Darunter rechnen die Experten soziales oder politisches Engagement ebenso wie Gesundheit, Wohlbefinden und Chancen bei der Partnerwahl.

Unter der Leitung von Hans-Peter Blossfeld, Soziologe an der Universität Bamberg, werden 150 Forscherinnen und Forscher aus verschiedenen deutschen Universitäten und Forschungseinrichtungen Menschen in verschiedenen Lebensphasen untersuchen. Jährlich wiederkehrend befragen sie eine Gruppe von Müttern mit Neugeborenen, Kindergartenkinder, Schüler beim Schulein- und Schulaustritt, zum Übergang in eine Berufsausbildung oder an die Universität. Doch auch Menschen zwischen 23 und 65 Jahren sollen Auskunft geben, wie sie sich weiterbilden oder wie sich ihre Familiensituation verändert. Insgesamt werden 60 000 Menschen in die Untersuchung einbezogen.

Wie entwickeln sich Kompetenzen? Welchen Einfluss haben Schule, der Sportverein oder auch die Eltern? Wie treffen Menschen Entscheidungen, die ihre eigene oder die Bildung ihrer Kinder betreffen, und welche Rolle spielt dabei ihr sozialer- oder auch Migrations-Hintergrund – nach diesen Fragen werten Expertenteams die erhobenen Daten über die wiederholten Befragungen hinweg aus. Man will zunächst erklären und beschreiben können, um darauf aufbauend Vorhersagen treffen zu können. Hinweise für ein besseres Bildungswesen können erst so, so der Ansatz der Forscher, auf einer soliden Grundlage stehen.

"Ich sehe in dem Ansatz des Nationalen Bildungspanels, individuelle Lebens- und Bildungswege von Schülerinnen und Schülern bis in das Erwachsenenalter zu verfolgen, eine außerordentlich gute Möglichkeit, sich über neue Förderstrategien, über notwendige Schritte der Öffnung des Bildungssystems und über die Gestaltung seiner Übergänge und Anschlüsse Gewissheit zu verschaffen", erklärte dazu Jan-Hendrik Olbertz, Präsidiumsmitglied der Kultusministerkinferenz. Das Bildungspanel ist die größte wissenschaftliche Langszeitstudie aller Zeiten, die Anlage der Längsschnittstudie ausgesprochen ehrgeizig und die Erwartungen hoch. Ob sich der Mensch vollständig vermessen lässt bleibt abzuwarten.

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Autorin: Katrin Schaar, www.bildungsjournalismus.de, k.schaar(at)bildungsjournalismus.de