In Schule, Uni und Beruf: Bildungsforscher entwickeln immer mehr Tests, stoßen dabei aber auch an Grenzen.

Von Katrin Schaar, erschienen in der Süddeutschen Zeitung vom 3.8.09

Ein angehender Arzt untersucht einen virtuellen Patienten am Bildschirm und muss herausbekommen, was ihm fehlt. Wenn er bei der Diagnose Fehler macht, wirkt sich das auf den simulierten Kranken aus. Schüler beweisen bei Pisa-Tests, ob sie einen Stadtplan lesen oder eine Grafik über Karies richtig interpretieren können. Eingangstests für Schulen, Universitäten und Arbeitsstellen messen heute, was ein Bewerber in komplexen Situationen zu leisten vermag. Das Schlagwort heißt: Kompetenzdiagnostik.

Wer von "Kompetenzen" spricht, geht davon aus, dass sie erlernbar und formbar sind. Während Intelligenztests auch die zum Teil angeborenen Potentiale einer Person messen, werden nun Fähigkeiten beurteilt, die ein Kind, ein Jugendlicher oder Erwachsener in verschiedenen Situationen anwenden kann. Es reicht nicht aus, einfach nur schlau zu sein oder bestimmte Zensuren vorzuweisen - das Geschick und die Fähigkeiten müssen unter Beweis gestellt werden.

Hohe Erwartungen sind mit der Kompetenzmessung verbunden. Pädagogen hoffen, Kinder besser fördern zu können: Eine differenzierte Diagnostik helfe zu sehen, wo ein Kind besondere Probleme habe, sagt die Sprachexpertin Sabine Weinert von der Universität Bamberg. Auch ganze Bildungssysteme können nur verbessert werden, wenn man weiß, wo ihre Schwächen liegen. "Ohne Kompetenzdiagnostik", sagt der Bildungsforscher Eckhard Klieme vom Deutschen Institut für Internationale Pädagogische Forschung (DIPF), "kann man keine Schulevaluation betreiben, kann man kein Systemmonitoring, wie beispielsweise bei Pisa, betreiben."

Personalchefs setzen auf sogenannte Assessment-Center, um die besten Arbeitskräfte auszuwählen. Und Politiker versuchen, Bildungsabschlüsse so zu definieren, dass sie international besser miteinander verglichen werden können. Diesem Ziel folgt etwa der von der EU initiierte "Europäische Qualifikationsrahmen". Alle von 2012 an erworbenen Qualifikationen sollen acht Stufen zugeordnet werden und darstellen, "was ein Lerner weiß, versteht und umsetzen kann". Um so wichtiger wird es, dass Kompetenzen auch richtig gemessen werden.

Ob sich jemand auf einem Stadtplan zurechtfindet, richtig spricht oder ein Arzt die richtige Diagnose trifft, ist noch recht gut überprüfbar, der Sinn der Tests einsichtig. Doch es gibt auch weniger plausible Ansätze: Um soziale Kompetenzen zu erfassen, entwickeln Wissenschaftker eine virtuelle Welt. Testpersonen sollen darin Meinungen zu verschiedenen Themen vertreten, sich unterhalten und Testaufgaben miteinander lösen. Ihre - virtuellen - Bewegungen und Blickkontakte zu anderen werden zu Merkmalen ihrer Persönlichkeit in Beziehung gesetzt, um daraus Stufen der sozialen Kompetenz abzuleiten. Doch Zweifel bleiben: Lassen sich Kompetenzen auf diese Art messen? Ist die simulierte Situation wirklich der realen gleichzusetzen?

Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) hat ein großes Schwerpunktprogramm zu "Kompetenzmodellen" mit 23 Projekten eingerichtet, das Eckhard Klieme vom DIPF und Detlev Leutner von der Universität Duisburg-Essen koordinieren. Hier werden Konzepte und Verfahren entwickelt, mit denen sich Kompetenzen beschreiben und erfassen lassen. Darauf aufbauend werden empirische Messinstrumente erprobt; und schließlich soll auch untersucht werden, wie die Ergebnisse von Pädagogen genutzt werden können. Die Forscher des DFG-Programms beschränken sich auf das Testen von Wissen und Können, betrachten also nicht Emotionen und Einstellungen, die bei Kompetenzen ebenfalls eine Rolle spielen. "Einstellungen drücken persönliche Werte aus, die man nicht als als richtig oder falsch bewerten kann. Man kann sie messen, aber nicht als Norm oder Standard bewerten", sagt Eckhard Klieme.

Kompetenzdiagnostik kann allerdings unbeabsichtigte Nebenfolgen haben. So kritisieren amerikanische Experten, dass viele Schulen ihre Schüler nur noch auf Tests vorbereiten (teaching to the test), guten Unterricht und in Tests nicht abgefragte Kompetenzen aber vernachlässigen. Diskutiert wird auch, ob die Schule gezielt verwertbare Kompetenzen fördern soll oder ob sie breiter und gleichsam zweckfrei angelegt sein muss. Heikel sind auch mögliche negative Konsequenzen eines schlechten Testergebnisses, etwa wenn ein Arbeitnehmer wegen schlechter Testwerte schlechter bezahlt oder eine Schule wegen schlechter Ergebnisse geschlossen wird. Wie Getestete mit Ergebnissen konfrontiert werden, muss erforscht, welches Gewicht sie haben, auch politisch entschieden werden.

Das Bildungsministerium hat ein "Rahmenprogramm zur Förderung der empirischen Bildungsforschung" gestartet. Politiker erhoffen sich Aufschluss darüber, welche Reform unter welchen Bedingungen etwas bringt und welche Förderprogramme effektiv sind. Aus dem Rahmenprogramm geht ein beträchtlicher Teil der Mittel in die Kompetenzdiagnostik, vor allem in die Sprachdiagnose und das "technologiebasierte Testen" am Computer oder mit dem Telefon. Hinzu kommt das "Nationale Bildungspanel", in dem Bildungsprozesse über alle Stufen vom Vorschulalter bis zur Rente untersucht werden.

Eines von jetzt 17 bewilligten Forschungsvorhaben zur Sprachdiagnose leitet die Bamberger Professorin Sabine Weinert: Einige Pisa-Ergebnisse legten nahe, dass es Migrantenkinder und Kinder aus bildungsfernen Schichten auch deshalb besonders schwer in der Schule haben, weil die Sprache der Lehrer zu kompliziert und ungewohnt für sie ist. Die Sprachexpertin möchte herausfindenm, ob das stimmt. Aus US-Studien weiß sie, dass Kindergartenkinder aus bildungsfernen Familien größere Sprachfortschritte machen, wenn die Erzieherinnen eine "anspruchsvollere" Sprache benutzen: "Je komplexer, desto besser für den Spracherwerb."

Doch ob das auch für Migranten in der Schule gilt, ist offen. Weinert möchte experimentell klären, wo die Schwierigkeiten liegen: "Ist es die Sprechweise der Lehrer oder sind es die behandelten Themen, oder liegt es daran, dass Fachbegriffe nicht erschlossen werden können?"

Die Förderung durch DFG und Bildungsministerium gibt der Bildungsforschung derzeit einen großen Schub. Es gelten hohe Standards, die auch eine interdisziplinäre Kooperation von Wissenschaftlern erfordern. Sabine Weinert hält das für eine notwendige Investition, denn wer nur vermute, was den Kindern helfen könnte, setze Geld in der Praxis eventuell falsch ein. Bundesbildungsministerin Annette Schavan sagt, "wir wollen wissen, was wir anders machen müssen, damit wir besser werden".

Allerdings muss die Wissenschaft auch Grenzen dort markieren, wo sie mit wissenschaftlichen Methoden nicht weiterkommt. Denn, sagt die Forscherin Sabine Weinert, die Diagnostik sei eben nichts, "was den Menschen als Ganzes vermisst".

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Text erschien erstmalig in der Süddeutschen Zeitung vom 3.8.09, Seite Schule und Hochschule

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Autorin: Katrin Schaar, www.bildungsjournalismus.de, k.schaar(at)bildungsjournalismus.de