In den Großstädten meiden immer mehr Eltern die staatlichen Schulen

Von Katrin Schaar

 

Die Bergmannstraße in Berlin- Kreuzberg ist ein attraktiver Kiez, Szenekneipen, Antiquitäten- und Dönerläden prägen das Altbauviertel. Außer Migranten leben hier viele Studenten und Kreative. Eine denkmalgeschützte Schule aus rot-gelbem Backstein gibt es auch. Aber das rostbraune Tor ist verschlossen, auf dem engen Schulhof und den alten Tischtennisplatten liegt nicht gekehrtes Laub. Der Schule fehlten die Schüler, Eltern meldeten ihre Kinder ab oder stellten Umschulungsanträge. Der letzte Jahrgang mit Schulanfängern umfasste nur noch 19 Kinder, überwiegend Kinder von Migranten.

 

Gute Schüler fliehen aus der öffentlichen Schule, oder die Familien ziehen fort in ein anderes Viertel. Dieses Phänomen gibt es mittlerweile in vielen Innenstädten, in Berlin wird nun immer heftiger darüber diskutiert. ,,Die Gründung zahlreicher privater Schulen, oft von den enttäuschten Eltern angeregt, ist eine eklatante Misstrauenserklärung an das Berliner Schulsystem‘‘, schrieben vor kurzem 68 Schulleiter des Bezirks Mitte in einem Protestbrief. Sobald ihre Kinder in die Schule kommen, werden vor allem Akademiker unruhig. Die Mehrheit der deutschen Eltern vertraue nicht darauf, dass ihre Kinder gut gemeinsam mit den Kindern von Migranten lernen spielen könten, sagt Vera Vordenbäumen, Elternsprecherin der Lenau-Grundschule in Kreuzberg. ,,Was für die Kita noch normal war, gilt offensichtlich ab dem Schuleintritt nicht mehr.‘‘

Eltern sorgen sich um den Ruf einer Schule. Doch wie entsteht dieser Ruf? ,,Das ist überhaupt nicht fassbar. Das ist immer so die Spielplatzparole im Kiez - das, was im Kiez so erzählt wird‘‘, sagt die Elternvertreterin. Am Ende orientieren sich viele vor allem an der sozialen Herkunft der Schüler. Arm und ausländisch, das könnte abfärben. Nach dem Aus für die Rosegger-Schule in der Bergmannstraße wurden die Kinder an umliegende Schulen aufgeteilt. Und nun beginnt das Spiel von neuem: Der Ruf der geschlossenen Schule wanderte mit den Kindern an die vorher als Vorzeigeschule beliebte Lenau-Schule. Sie leidet nun ihrerseits unter sinkenden Anmeldezahlen.

Vera Vordenbäumen versteht das nicht: ,,Da sind genau die gleichen kompetenten, engagierten Pädagoginnen und Pädagogen am Werke wie vorher.‘‘ Allerdings stellte auch sie zunächst wie andere Eltern aus dem Kindergarten ihrer Tochter einen Ummeldeantrag, der aber abgelehnt wurde. Für etliche Eltern ist der Anteil der Kinder, die muttersprachlich nicht deutsch sprechen, ein Grund für die Schulwahl. An der Lenauschule liegt dieser Anteil bei siebzig Prozent, in anderen Schulen in der gleichen Umgebung nur bei dreißig. Diese Schulen sind die begehrten.

Für die Eltern wird die Wahl der Schule immer wichtiger; vor allem Eltern der ,,bürgerlichen Mitte‘‘ stünden unter enormem Druck und würden sich gegen Milieus am unteren Rand der Gesellschaft abgrenzen, analysiert die Studie ,,Eltern unter Druck‘‘ der Konrad-Adenauer-Stiftung. Neue Privatschulen verschärfen die Konkurrenz bereits bei den Grundschulen. Von 13 privaten Schulen, die im vorigen Jahr in Berlin neu eröffneten, waren acht Grundschulen, in Hamburg waren es fünf von zehn. In Köln stieg die Zahl privater Grundschüler von knapp 400 auf knapp 600. Christiane Witek, Sprecherin des Dachverbandes der Privatschulen, beobachtet, dass „besonders im letzten Jahr mehr Anfragen von Menschen kamen, die eine Grundschule gründen wollten. „Diese Anfragen kamen besonders aus den Ballungsräumen.“

Doch allgemein gilt: Immer mehr Kinder beginnen ihre Bildungskarrieren in einer privaten Grundschule - ein Trend, der sich in den Jahren nach der ersten Pisa-Veröffentlichung beschleunigt hat: Im Jahr 2001 besuchten 45000 Kinder die Grundschulen privater Träger; sechs Jahre später waren es schon knapp 74000. Das waren zwar erst knapp zweieinhalb Prozent aller Grundschüler, aber der Boom der Privatschulen dauert an.

Auch die geschlossene Schule in der Bergmannstraße soll nun als private Einrichtung wieder eine Zukunft haben. Vier freie Träger haben sich beworben. Einer davon ist der Förderverein der ,,Evangelischen Schule Kreuzberg‘‘. Die Vorsitzende Angelika Klein-Beber will mit einer konfessionellen Schule den Wegzug aus dem Bezirk stoppen, den sie in ihrem eigenen Haus beobachtet, sobald Bewohner Kinder bekommen. Doch Privatschulen erheben Schulgeld, nicht jeder kann sich das leisten. Der Sozialdemokrat Björn Eggert, Vorsitzender im Schulausschuss des Bezirksparlaments, befürchtet ,,kannibalistische Effekte‘‘ zu Lasten der umliegenden Schulen.

Auf einer öffentlichen Veranstaltung diskutierten 200 Anwohner: Ist es richtig, die Schule an einen freien Träger zu übergeben, und welcher soll das sein? Was heißt das für das Zusammenleben im Bezirk? Moderatorin Jan Aleith fasste zusammen: ,,Es ist nachvollziehbar, das Eltern aus Sorge um ihre Kinder nach Privatschulen rufen.‘‘ Doch die Eltern sähen dies als Notlösung, denn ,,alle waren sich auch einig, dass die Gründung von Privatschulen zu mehr Segregation und zu Restschulen führen würde‘‘.

Diesen Effekt bestätigt der Bildungsforscher Jürgen Oelkers in einer länderübergreifenden Studie: Freie Schulwahl und mehr private Bildungsanbieter fördern die sozialer Entmischung. Dass Privatschulen den öffentlichen in den Leistungen grundsätzlich überlegen sind, können wissenschaftliche Studien dagegen nicht bestätigen. Doch viele Eltern glauben das, und aufgeschreckt durch Pisa und andere Studien, scheuen sie vor Schulen zurück, in denen sie zu viele Migranten vermuten.

Vor allem in den Großstädten könnten immer mehr Schulen unter Druck geraten, bis sie geschlossen und an freie Träger übergeben werden. Der Vorsitzende der Berliner Schulleitervereinigung, Wolfgang Harnischfeger, betont, die staatlichen Schulen müssten wieder attraktiver werden: ,,Die Lösung kann nicht darin bestehen, Privatschulen zu verbieten, sondern die öffentlichen Schulen besser zu machen: Mehr Teamarbeit, weg vom frontalen Unterricht, neue Methoden und Einsatz von Medien.‘‘

Schon jetzt gibt es schließlich staatliche Schulen in Problembezirken, die sehr erfolgreich arbeiten und sich vor Anmeldungen kaum retten können. In der Erika-Mann-Grundschule etwa, die zu 80 Prozent von Kinder mit Migrationshintergrund besucht wird, meldeten sich auf die 79 vorhandenen Plätze 137 Schüler an. Neben einer ansprechenden Gestaltung der Räume hat sich die Weddinger Schule ein theaterbetontes Profil zugelegt, sie nimmt an Modellversuchen teil und gewinnt Preise zur Gewaltprävention, sozialer Stadt oder beim Mädchenfußball. Sie war 2008 für den Deutschen Schulpreis nominiert. Auch in den Problemkiezen können Schulen also etwas für ihre Attraktivität tun. Schulleiterin Karin Babbe sagt worauf es ankommt: „Unser Motto ist: Jeder ist willkommen, jedes Kind und alle Eltern.“ Sie steckt viel Energie in besseren und differenzierten Unterricht und die individuelle Stärkung der Kinder. Mit intensiver Elternarbeit erreicht die Schule mittlerweile 95 Prozent der oft bildungsfernen Elternhäuser, erläutert die Schulleiterin. „Allmählich stellt sich wieder eine gute Mischung ein. Das ist der einzige Weg, Segregation zu verhindern.“ In enger Zusammenarbeit mit den Kitas wirbt die Schule um die bildungsnahen Schichten und ist so auch wieder attraktiv für Eltern, die schon fast dabei waren, ebenfalls eine private Schule zu gründen.


Text erschien erstmalig in der Süddeutschen Zeitung vom 2.2.09

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Autorin: Katrin Schaar, www.bildungsjournalismus.de, k.schaar(at)bildungsjournalismus.de